Mehr-ArGen-Treffen vom 11. bis 13. November 2016 in Espenau

Interessante Blicke über den Tellerrand

Hätten Sie gewusst, dass das Postzeitungswesen einmal aus der nebenberuflichen Verlagstätigkeit vieler Postmeister im 18. Jhd. entstanden ist, die damals mit ihrem Hauptjob offenbar nicht ausgelastet waren? Hätten Sie geahnt, dass Ende des 19 Jhd. jedes Schiff aus den USA rund 20.000 Briefe für Empfänger in Deutschland mitbrachte und rund 14.000 Briefe wieder mit über den Großen Teich nahm? Freuen Sie sich nur über einen entdeckten Plattenfehler oder machen Sie sich auch Gedanken darüber, wie und wodurch dieser eigentlich entstanden sein könnte? Warum gibt es bei manchen Ausgaben unten und oben, manchmal aber auch links und rechts durchgezähnte Bögen?

Rund 100 Philatelisten kamen zum Mehr-ArGen-Treffen 2016 nach Espenau. (Foto: INFLA-Berlin)

Der Blick über den Tellerrand bzw. das persönliche Spezialgebiet hinaus ist einerseits interessant, und von so mancher Information und Erkenntnis aus „fremden“ Sammelgebieten kann andererseits auch die eigene Sammlung profitieren. Fast 100 Philatelisten der Arbeitsgemeinschaften Norddeutscher Postbezirk, Württemberg, Brustschilde, Krone/Adler, Germania, Infla-Berlin und Saar nutzten Mitte November die hervorragende Gelegenheit, beim von unserem Verein organsierten Mehr-ArGen-Treffen in Espenau bei Kassel ihren philatelistischen Horizont derart zu erweitern.

Erfahrungsaustausch gab es unter den Spezialisten, darunter zahlreiche auskunftsbereite Prüfer, nicht nur zu rein philatelistischen Themen. Letztlich drückt allen Arbeitsgemeinschaften unter anderem in der Frage der Mitgliederzahlen der Schuh an ähnlicher Stelle. Erfreulich, dass bei der Vorstellung der einzelnen ArGen in diesem Zusammenhang viel Positives zu hören war. INFLA-Berlin ist mit fast 900 Sammlern der mitgliederstärkste Verein unter dem Dach der BDPh. Die ArGe Germania konnte nach Angaben von Achim Müller ihre Mitgliederzahl in den letzten Jahren bei rund 150 stabilisieren und die ArGe Württemberg hat seit 2010 rund 30 neue Sammler für eine Mitgliedschaft gewonnen, wie der Vorsitzende Marc Klinkhammer berichtete. Dies kommt nicht von ungefähr, hat die ArGe doch neben ihren Spezialpublikationen mit der Broschüre „Einblicke Württemberg-Philatelie“ eine wertvolle Lektüre für Einsteiger mit zahlreichen Tipps für einen Sammlungsaufbau geschaffen.

Um ein thematisch vielseitiges Programm zu bieten, stellte jede beteiligte ArGe einen Referenten. Die Themen waren so gewählt, dass jeder aus jedem Vortrag etwas für sich mitnehmen konnte – was im Nachhinein auch von vielen Teilnehmern im Gespräch so bestätigt wurde.

Die Bahnpost auf der wichtigsten deutschen Auslandsverbindung in der NDP-Epoche war Thema von Ingo von Garnier, Vorsitzender der ArGe NDP. (Foto: INFLA-Berlin)

Mit sehenswerten Belegen aus der Epoche der Norddeutschen Post stellte Ingo von Garnier, Vorsitzender der ArGe NDP, die Bahnpost-Tätigkeit entlang der Strecke Cöln – Verviers vor. Diese war seinerzeit die wichtigste deutsche Auslandsverbindung für den Postverkehr. Kursstempel, Aufgabestationsstempel, Grenzeingangsstempel, Taxstempel, Buchungsstempel, die für die ordnungsgemäße Abwicklung und Verbuchung zum Einsatz kamen, machen jeden Beleg zu einem geografischen und manche darunter auch geschichtlichen Lesebuch.

Wie die deutsche Reichspost bis 1875 mit unzureichend frankierter Briefpost im Inland umging, zeigte BBP-Prüfer Hansmichael Krug von der ArGe Brustschilde anhand zahlreicher Briefe. Zu Diskussionen führte u.a. ein mit nachträglicher Zusatzgebühr belegter Einschreibebrief. Da dieser im Postamt aufgegeben werden musste, war die fehlende Frankatur letztlich ein Fehler des Schalterbeamten und nicht des Absenders. Interessant auch, wie die zwei verschiedenen Währungen und unterschiedliche Tarife im Postgebiet mitunter zur Verwirrung beitrugen, was die richtige Frankatur eines Briefes anging.

Lediglich acht Hauptnummern umfasst die Pfennige-Ausgabe der Deutschen Reichspost von 1875 bis 1879. Welche Vielfalt diese trotzdem besitzt, führte Jens Schmöckel von der ArGe Krone/Adler den Teilnehmern vor Augen. Er zeigte Frühverwendungen und Spätentwertungen, seltene Stücke mit Zwischenrändern und Einheiten sowie Zähnungsvarianten, Platten- und Druckfehler. Mit welchem akribischen Spürsinn manche Sammler mitunter der Relevanz eines Beleges auf den Grund gehen, erklärte Schmöckel an einer Mischfrankatur aus einer Marke der Pfennige-Ausgabe und je einer der Brustschild-Ausgaben mit kleinem sowie großem Brustschild. Ein philatelistischer Hintergrund dieser selten vorkommenden Frankatur sei hier stark zu vermuten, so der Referent. Beim Adressaten handele es sich um einen philatelistischen Autor dieser Zeit. Den Absender identifizierte Schmöckel ebenfalls als Briefmarkensammler - er spürte ihn als Inserenten diesbezüglicher Anzeigen in alten Zeitschriften auf.

Die Kammzähnung dürfte den meisten Philatelisten geläufig sein. Welche Varianten diese Zähnungsart mitunter verursacht, wenn Bögen kopfstehend oder mit der falschen Seite in die Zähnungsmaschine eingelegt werden, ist vielleicht nicht jedem Sammler bewusst. Interessante und zum Teil seltene Beispiele dafür zeigte Achim Müller von der ArGe Germania anhand von Bögen und Bogenteilen der Germania-Ausgaben.

Franz Müller von INFLA-Berlin referierte über die Entstehung und die Wandlungen des Postzeitungswesens. (Foto: INFLA-Berlin)

Wie sich aus der verlegerischen Nebentätigkeit von Postmeistern das Postzeitungswesen entwickelte, welche Wandlungen es durchlief und zu welcher Vielzahl an Sendungsarten dies führte, demonstrierte Franz Müller von INFLA-Berlin mit zahlreichen interessanten Belegen – darunter viele aus der turbulenten Inflationszeit – die zu seiner Sammlung gehören. Zu den besonderen Schmankerln abseits der rein philatelistischen Sichtweise gehören u. a. Dokumente von der Nachsendung von Zeitungen an Mitglieder der kaiserlichen Familie in die Sommerfrische.

Einen Überblick über die Druckverfahren gab Marc Klinkhammer. Dies allein wäre schon für jeden Sammler interessant gewesen, doch dabei beließ es der Vorsitzende der ArGe Württemberg nicht. An Plattenfehlern, die auf Marken seines Sammelgebietes auftreten, analysierte er, wie diese beim jeweils angewendeten Druckverfahren überhaupt entstehen können. Auch dies war ein Vortrag, dessen Erkenntnisse ohne weiteres auf andere Sammelgebiete übertragen werden können.

Natürlich kam auch die Zeit zum Fachsimpeln und Erfahrungsaustausch im kleineren Kreis sowie zum Tauschen oder Wühlen in den Kartons der angereisten Händler nicht zu kurz. Die Resonanz der Teilnehmer war schon während der Veranstaltung so positiv, dass der INFLA-Berlin-Vorsitzende Josef Bauer vorschlug, den Rhythmus des Treffens von drei auf zwei Jahre zu verkürzen. Der Vorschlag traf auf eine deutliche Zustimmung. Im Jahr 2018 ist dann die ArGe Württemberg federführend für die Organisation.

INFLA-Berlin-Vorsitzender Josef Bauer dankte Monika Barz im Namen aller Teilnehmer für die hervorragende Organisation. (Foto: INFLA-Berlin)

Bleibt, Monika Barz von INFLA-Berlin, die das Treffen in hervorragender Weise vorbereitet und organisiert hat, auch an dieser Stelle im Namen unseres Vereins und aller Teilnehmer ein ganz herzliches Dankeschön zu sagen. Vor Ort hatte dies unser Vereinsvorsitzender Josef Bauer übernommen.

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Jahreshauptversammlung 2016 vom 3. bis 5. Juni in Hirschaid

 

Klein-Venedig wird das ehemalige Fischerdorf am Ufer der Regnitz in Bamberg genannt. (Foto: INFLA-Berlin)

Petrus spielte mit

Das hätte auch ganz anders kommen können. In den Tagen vor der Jahreshauptversammlung in Hirschaid nahe Bamberg setzten zahlreiche Unwetter in Bayern einige Landstriche unter Wasser. Auch zur Anreise am Freitag regnete es kräftig. Das störte die Infla-Philatelisten jedoch nicht beim Stöbern in den Alben und Belege-Kartons der anwesenden Händler. Am Abend lauschten sie einem interessanten Vortrag des Vereinsmitgliedes Horst Geiger über die Einführung von Dienstmarken in Bayern als Folge der Reichsabgabe im Jahr 1916. Der erfahrene und über den Verein hinaus bekannte Referent präsentierte dabei sehenswerte und seltene Belege.

Mit Bangen wurde der Samstag erwartet, an dem zwei  Stadtrundgänge auf den Spuren des Weltkulturerbes und der Biergeschichte Bambergs geplant waren. Doch Regionalleiter Bernd Schmidtkonz, der das Treffen perfekt organisierte, hatte wohl auch mit Petrus entsprechende Abmachungen getroffen. Der Ausflug in die UNESCO-Weltkulturerbe-Stadt war von schönstem Sonnenschein begleitet. Dass während der abendlichen Einkehr im Gewölbe der Klosterschänke eins der derzeit üblichen Gewitter niederging, störte dann niemanden mehr, zumal sich auf dem Heimweg der Regen bereits wieder verzogen hatte. Auch das war auf die Minute genau abgestimmt.

Mehr über den Verlauf und die Ergebnisse der Hauptversammlung, die am Sonntagvormittag - am Morgen regnete es übrigens schon wieder  - stattfand, lesen Sie in der Ausgabe 263 der Infla-Berichte vom September 2016.